Eine Studioproduktion des RambaZamba Theaters und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch
Der Kirschgarten erzählt von dem Ende einer Welt. Ljubow Andrejewna Ranjewskaja kehrt nach Jahren in Paris auf ihr verschuldetes russisches Gut zurück. Der alte Wohlstand ist nur noch Erinnerung: Geruch, Möbel, Klang, ein Stil, eine Haltung – alles erinnert an den alten Glanz, der längst von der Geschichte untergraben wurde. Lopachin, Sohn eines ehemaligen Leibeigenen und inzwischen Kaufmann, schlägt eine Lösung vor: Der Kirschgarten soll parzelliert, in Sommerhäuser verwandelt und verwertet werden. Am Ende wird der Garten verkauft, die alten Besitzer verlassen das Haus, und die Kirschen werden abgeholzt. Die Komödie, die 1904 als letztes Stück des Dramatikers Tschechow uraufgeführt wurde, erzählt von der Erfahrung von Enteignung und dem Verlust einer Welt von Großgrundbesitz, Klassengewissheit, Dienstboten, Salons, weißen Kleidern und großzügiger Eleganz. Der Garten barg einst das Versprechen von Wohlstand und Rückzug – das jedoch immer nur für wenige galt – und wird nun zum Schauplatz einer Verwandlung: Die Landschaft transformiert sich vom Besitz einer Klasse, die lange nicht verstand, dass ihre Zeit vorbei war, hin zum Besitz einer neuen Klasse, die nur versteht, dass alles verwertet werden muss. So wird der Kirschgarten zwischen unterschiedlichen Verwertungssystemen weitergereicht, in denen er immer nur wenigen zur Verfügung stehen wird.
Der Kirschgarten ist zeitlos – wir finden ihn als poetischen Transformationsraum während der Oktoberrevolution und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder. In den 90ern schien ganz Berlin wie ein einziger Kirschgarten – voller Freiräume, Brachen und Zwischennutzungen – der dann schnellstmöglich an die Meistbietenden verschachert wurde. Seitdem wird die Stadt parzelliert, saniert, entmischt, verkauft, hochgezogen, bereinigt. Die soziale Enteignung findet nicht als dramatischer Akt statt, sondern als Mietsteigerung, als Kündigung, als Umwandlung, als Projektentwicklung, als freundliches Schild an einem Bauzaun. Dieser Kirschgarten wird homogener, glatter, teurer, weniger widersprüchlich. Und so wird die Frage immer schärfer: Wird der Garten, vielleicht schon gefällt, während wir noch darüber sprechen, wie schön er einmal war? Oder: Wem gehört diese Stadt?
Zum ersten Mal realisieren das RZt und die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch gemeinsam mit fünf Schauspieler des RZt-Ensembles und vier Schauspielstudierenden der HfS Ernst Busch unter der Regie von Matthias Mosbach, in dieser Form eine gemeinsame Inszenierung über Besitz und Verlust, über alte Privilegien und neue Brutalitäten, über Schönheit als Komplizin der Gewalt und Kunst als letztes ungesichertes Gelände.